Zusammenfassung

Über die Rolle der deutschen Presse im aktuellen Meinungsbildungsprozess über "die muslimische Welt".

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Meinungs- und Pressefreiheit sind unveräußerliche Menschenrechte und brauchen Verantwortung

Wütende muslimische Welt

Das Avaaz-Team berichtet am 20. September auf avaaz.org über die ‚Wut der Muslime‘ und fragt sehr begründet: „Wer hat Angst“? (hier der vollständige Artikel…)

In dem Beitrag auf avaaz.org heißt es weiter: „Von der Titelseite [des US-Magazins Newsweek (Bild siehe dort)] schreit der allgemeine Medientenor der vergangenen zwei Wochen: die muslimische Welt ist von anti-westlicher Wut über einen islamophobischen Film in Brand gesetzt, Horden gewaltsamer Demonstranten bedrohen uns alle…“.

Dann werden wir aufgeklärt, dass es nicht um die gesamte „muslimische Welt“ geht, sondern um 0,001 bis 0,007 Prozent der weltweit 1.5 Milliarden Muslime. Das heißt, ein bis sieben Menschen von 100.000 demonstrierten und „die gesamte Presse der westlichen Welt“ stürzte sich über viele Tage hinweg auf das Thema, zeigte uns die hässlichen und wütenden muslimischen Demonstranten und beschwor die Gewaltbereitschaft in der „islamischen Welt“, die „schon wieder so viele zivile Todesopfer“ gekostet hatte.

Verhältnismäßigkeit der Berichterstattung

Die Verhältnismäßigkeit der Berichterstattung erscheint spätestens dann zweifelhaft, wenn man die realen Zahlen in ein reales Verhältnis stellt: Wenn jeder vierundneunzig- bis einhunderttausendste Deutsche ein Rechtsradikaler wäre, dann gäbe es in der gesamten Bundesrepublik 5600 Rechtsradikale und wahrscheinlich nur sehr selten eine entsprechende Schlagzeile in der Presse.

Angesichts einer solchen „Bedrohungslage“ wäre es zumindest völlig ausgeschlossen, dass die deutsche Bundesregierung ernsthaft über eine vorläufige Einschränkung existenzieller Bürgerrechte in Deutschland nachdächte, oder? Frankreich zumindest nahm die Geschehnisse sogar zum Anlass, Botschaften und Schulen “in rund 20 Ländern” vorläufig zu schließen. Die unverhältnismäßige Berichterstattung der Presse war also dazu in der Lage, sogar maßgebliche Regierungsvertreter zu beeinflussen. Auf diese Weise erhielten die Exzesse einiger weniger Salafisten sogar Einfluss auf die Lebensbedingungen in den demokratischen Republiken Deutschland und Frankreich. Die Presse machte sich also wieder einmal zu einem willigen Werkzeug für Verbrecher.

Opfer der tatsächlichen Geschehnisse

Die wirklichen Opfer der tatsächlichen Geschehnisse im September 2012 sind vielfältig: Viele der Todesfälle, über die in den westlichen Medien berichtet wurde, waren nachweislich von der Polizei getötete Demonstranten. Viele der meinungsmanipulierten Demonstranten fanden sich im Schatten einiger weniger rechtsradikaler Salfisten wieder und der „durchschnittliche Muslim“ erschrak mindestens so heftig wie wir Europäer. Die meisten Opfer aber hatte die deutsche Presse: Schon lange nicht mehr wurde uns ein Feindbild so nachdrücklich nah gebracht und so klar gemacht.

Die Meinungs- und Pressefreiheit sind unveräußerliche Menschenrechte, sie sind existenzielle Einrichtungen einer demokratischen Gesellschaftsordnung und brauchen Verantwortung.

Nicht zu vergessen sind die vielen wirklich bedeutenden Nachrichten, die in diesen September-Wochen kaum Gehör fanden weil sie ein Opfer der reißerischen Nachrichten über wütende Muslime wurden:

In Moskau gingen zehntausende Demonstranten gegen Präsident Putin auf die Straße. Hunderttausende Portugiesen und Spanier schlossen sich den Protesten gegen die Sparpolitik ihrer Regierungen an. Über eine Million Katalanen forderten ihre Unabhängigkeit von Spanien und niemand hörte unseren deutschen Wirtschaftsminister. Auch er wurde ein Opfer der Salafisten, oder besser, ein Opfer der deutschen Salafistenpresse. Niemand hörte den deutschen Vizekanzler, der aus der Position der Schwäche heraus irgendwie mitregieren will und völlig konzeptlos deutsche Alltagspolitik beeinflusst, nur um irgendwie über die nahe nächste Wahl zu kommen. – Armes Deutschland.

Meine wahren Ängste

Kehren wir zur Eingangsfrage des Avaaz-Teams zurück: Wer hat Angst vor der ‚Wut der Muslime‘? – Vor der ‚Wut der Muslime‘ habe ich keine Angst. Wohl aber habe ich Angst vor jedem fanatischen und einseitig informierten Menschen und dabei spielt es für mich keine Rolle, an welchen Gott er glaubt. Deshalb habe ich wohl auch die größte Angst vor der Presse:

Wenn eine freie deutsche Presse kollektiv so undifferenziert, unkritisch und manipulativ berichtet, wie es im September des Jahres 2012 geschah, dann stellt sie für jede Gesellschaft ein Bedrohung dar, denn sie erzeugt Unwissenheit durch Vernebelung und schafft damit die Grundlagen für Angst und Fanatismus.

Bleibt wachsam und kritisch
auch gegenüber der deutschen Presse!

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