Zusammenfassung

Mit einem scharfen Blick auf die NSA-Affäre fragt Juli Zeh in einem Artikel in der FAZ zurecht, was denn noch passieren muss, damit "sich Unbehagen endlich in Protest umsetzt". In dem Artikel mit der Überschrift "Mein digitaler Zwilling gehört mir" schließt Juli Zeh: "In einer Demokratie ist es müßig, den Regierenden vorzuwerfen, dass sie nicht handeln, solange sich das Volk im politischen Phlegma befindet" und sie fordert "ein Korrektiv zur Begrenzung der Kollateralschäden einer technischen Revolution."

Das klingt mir zu theoretisch und abgehoben. Warum findet sich das Volk im politischen Phlegma und was ist zu tun? Hier werden die Menschen- und Bürgerrechte der Deutschen beschnitten und Industriespionage im nationalen Maßstab entlarvt und keinen interessiert es. Warum lösen die endlosen Offenbarungen im NSA-Skandal seit Edward Snowden in der Bevölkerung keine Welle des Protestes aus? Ich suche erste Antworten...

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Die Endlichkeit des Skandals begründet die Unendlichkeit des Schicksals, das, durch den Skandal gekennzeichnet, mit dem Vergessen des Skandals nicht beendet wird. Durch den Skandal wird das eigentliche Ereignis, das Schicksal hinter dem Skandal für einen Augenblick plakativ, um schon im nächsten Augenblick von einem anderen Skandal übertroffen, übermalt und überholt zu werden.

Im täglichen Wettbewerb der Skandale ist Skandal nur Handelsware.

Der Skandal ist nur noch ein Medienprodukt, das mit der Sättigung des Marktes den Wert verliert. Da sich die Menschenwelt immer schneller dreht, wird auch die Halbwertszeit von Information und Nachricht und damit auch die Halbwertszeit von Skandal zunehmend flüchtiger. Im flüchtigen Skandal aber kann keine Betroffenheit mehr entwickelt werden. Die Welt ist zu komplex und der größte Skandal, im Weltmaßstab gemessen, doch immer zu klein, um uns wirklich betroffen machen zu können. Der Globalisierungsvirus hat uns abgestumpft, blutleer und leidenschaftslos gemacht. Die Nachrichtenmengen mit globalem Maßstab haben uns erstickt. Wir können wichtig und unwichtig nicht mehr unterscheiden und versagen uns deshalb jede eigene Haltung.

Merke: Es läuft etwas schief in deinem Leben, wenn darin die wichtigen Dinge keine Rolle mehr spielen, weil die vielen unwichtigen Dinge deine Tage ausfüllen.

Skandal hat auch nur noch wenig Unterhaltungswert

Skandal hat auch nur noch wenig Unterhaltungswert, denn Skandal ist im Weltmaßstab ständig verfügbar und kaum noch besonders, genau so, wie es auch immer irgendwo auf dieser Welt fünf vor Zwölf ist. Letzteres liegt wohl in der Natur unserer Zeitvorstellung und globalen Zeitordnung. Ersteres hingegen ist ein Maßstab, der aus dem zeitlosen und unbegrenzten Konsum entstanden ist. Skandal wird in unseren Tagen konsumiert wie Gottschalk’s Gummibärchen.

Skandal ist keine Mangelware und bietet auch nur selten konsumentenfreundliche Identifikationsmöglichkeiten, wie die Lindenstraße. Skandal beeinflusst Zeitungsauflagen, auch im Zeitalter allzeit verfügbarer Digitalmedien. Skandal muss deshalb auch heute noch ständig frisch geliefert werden, glauben die Redakteure und Journalisten „der alten Schule“ noch immer und helfen auch noch immer ein wenig nach, fast wie vor 60 Jahren. Allein die digitale „Taktrate“ hat Skandal zu einer Medienware gemacht, die nur noch schwer zu kontrollieren ist.

Skandal ist als Medienware genau so wertvoll, wie flüchtig, dabei aber unbeherrschbar schnell und zerstörerisch.

Ist der Blick des Menschen aber durch seine Globalisierung erst einmal mit globalen Maßstäben geweitet und verseucht, dann ist Skandal, und sei er auch noch so groß und noch so lokal und vielleicht sogar direkt vor der Tür, – Skandal ist dann nur noch klein und unwichtig, austauschbar und flüchtig.

Entglobalisieren

Juli Zeh fragt in ihrem Artikel in der FAZ, was denn noch passieren muss, damit „sich Unbehagen endlich in Protest umsetzt“. Ich antworte: Derzeit kann alles passieren, ohne einen Protest hervorzurufen.

Zuerst müssten das Globalisierende in unserem Leben und der Konsum auf ein menschliches und erträgliches Maß reduziert werden, um das eigene Leben erneut als Maßstab für die eigenen Lebensbedingungen zu verstehen, in denen dann Skandal vielleicht eine alarmierende Rolle hätte.

Die Generation der gerade Heranwachsenden kennt zwar viele Skandale, kennt überwiegend aber keine alarmierenden Signale mehr. Das von Juli Zeh geforderte „Korrektiv zur Begrenzung der Kollateralschäden einer technischen Revolution“, wird also von den Wenigen kommen müssen, die alarmierende Signale noch als solche erkennen und die Handlungsalternativen entwickeln können. Die Generation unserer Kanzlerin ist damit eindeutig überfordert. Auch darf begründet daran gezweifelt werden, dass unser aktuelles politisches System dazu in der Lage wäre, denn es fördert ausschließlich die Reproduktion von Führungseliten mit antiquierten Maßstäben, mit Maßstäben, die für eine „Begrenzung der Kollateralschäden“ der aktuellen Entwicklungen ungeeignet sind.

Das zu ändern, ist als Aufgabe leider noch nicht durchgedrungen. Die aktuelle Wahl wird es wohl wieder einmal zeigen: Die konservative Reaktion liegt im Blut des Menschen und lähmt den Verstand.

Deshalb:

Global denken,
lokal handeln!

Geh‘ zur Wahl und wähle anders!

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http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/ueberwachung/datenschutz-mein-digitaler-zwilling-gehoert-mir-12562705.html Lesen Sie den Artikel von Juli Zeh in der FAZ

http://glotzbox.de/philosophie/2012/globalisierungsvirus-1799/ Ein weiterer Beitrag in der GlotzBox beschäftigt sich mit den Folgen der Globalisierung und ergänzt den Beitrag auf dieser Seite.

http://www.golem.de/news/deutsche-datenschuetzer-nsa-skandal-weder-aufgeklaert-noch-beendet-1309-101415.html "Während Merkel, Pofalla und Friedrich seit nunmehr drei Monaten Fakten verdrehen, den Überwachungsskandal kleinreden, ihn ausschließlich den USA und Großbritannien anlasten wollen, ihn aussitzen und sich vor Konsequenzen drücken, stellen die Datenschützer fest, dass der Skandal weder aufgeklärt oder gar beendet ist", erklärt Jan Korte, Innenexperte der Fraktion der Partei Die Linke... lesen Sie bei Golem.de mehr...