Zusammenfassung

Die Kurznachricht (SMS) bleibt das flüchtige Zeugnis eines Gedankens im Speicher meines Telefons weil ich sie nicht versende und doch kann sie mich nachdenklich und besorgt machen und entwickelt ein Eigenleben ...

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Handy im Herbst

Ein Gemälde, gelbgrün und in licht-roten Ockertönen gemalt, durchschreite ich an jenem Herbstmorgen mit einem ebenso bunten wie morbiden Gefühl.

Bis in die höchsten Kronen der Laubbäume frisst sich das Sterben mit unendlicher Farbenpracht.

Auf meinem frühen Gang durch den feuchten Morgenwald begleiten mich nur meine Gefühle, die meine Gedanken zu dir tragen.

Ich notiere eine Kurznachricht an dich in mein Hosentaschentelefon. „Ich denk an dich“, texte ich, versende die Nachricht dann aber nicht. Es wäre zu früh am Morgen und es wäre nicht angemessen und du würdest wohl das falsche über mich denken und ich würde davon vielleicht nichts erfahren und das könnte mich verletzen und ich möchte gar nicht verletzt werden und schon gar nicht gerade jetzt, an einem so wundervollen Herbstmorgen voller guter Aussichten.

So ergeht es dieser Kurznachricht, wie so vielen anderen vor ihr: Sie bleibt das flüchtige Zeugnis eines Gedankens im Speicher meines Telefons.

Wenn du wüsstest, dass mein Telefon in den letzten Wochen einhundert Kurznachrichten an dich als Entwurf nur gespeichert und nicht versendet hat, – was würdest du dann denken?

Nichts, weil du die Nachrichten ja nicht erhalten hast!

Eine Nachricht ist keine Nachricht, wenn sie den Empfänger nicht erreicht, glaubst du? – Eine Nachricht bleibt auch dann eine Nachricht im Gedächtnis des Senders, der ja eigentlich gar kein Sender ist, sondern nur ein Sammler, – ein Nachrichtensammler.

Die Nachrichten sind eben nicht nur in meinem Telefonspeicher gespeichert! Sie sind auch in meinem Gedächtnis gespeichert und dort vermischen sie sich mit den Nachrichten die auch du kennst. Die Nachrichten vermischen sich in meinem Gedächtnis so lange, bis ich nicht mehr weiß, was du weißt und was du noch nicht weißt, weil dich die Nachricht nie erreichte.

Das fatale an einer Nachricht, die ihren Empfänger nicht erreicht, ist also, dass der Sender sie schrieb, ohne sie zu versenden. Auf diese Weise kann diese Nachricht ein unkontrolliertes Eigenleben entwickeln. Sie kann Ängste schüren und Missverständnisse provozieren, weil niemand diese Nachricht reflektiert und sie kann dabei nicht einmal mit vereinten Kräften aus der Welt geschafft werden.

Unversendete Kurznachrichten sind mächtig und gefährlich!

Aber es ist jetzt nicht der Zeitpunkt, um alles das zu bedenken. Der morgendliche Nebel kondensiert im Lichte der ersten Sonnenstrahlen und tropft von den Bäumen in meine Seele.

Meine Seele aber lässt sich nicht digitalisieren!

Deshalb erreicht mein Gedanke dich nicht. Deshalb erreicht kein Gedanke dich. Deshalb bleibt unsere Welt so flüchtig wie eine Kurznachricht.

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