Zusammenfassung

Wem hilft eigentlich eine Organspende, einmal abgesehen von den Organempfängern? Ist das alles nicht doch nur ein wirklich gut getarntes Geschäft, das seine Gewinne durch im Weltmaßstab völlig unverhältnismäßige Leistungen erzielt?

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Der Spendenaufruf

In Deutschland warten derzeit über zwölftausend Menschen auf ein Spenderorgan, heißt es. Jeden Tag stürben davon drei, informiert uns die Transplantationswerbung weiter. Diese Menschen hätten durch eine Organtransplantation gerettet werden können, vor dem sicheren Tod, den wir alle fürchten und verdrängen und doch früher oder später erfahren müssen.

Ein neues Organspendegesetz soll die Spendenbereitschaft der Deutschen verbessern. Dabei finden die meisten Deutschen die Idee sowieso schon gut, das eigene Herz, die Lunge oder die Niere nach dem Tod an Jemanden zu verschenken, dessen Leben damit zu retten ist.[*1]

Der Preis

Eine neue Niere oder ein neues Herz kosten zwischen 50.000 und 65.000 Euro. In schweren Fällen kann eine Herztransplantation auch über 100.000 Euro kosten. Im Jahre 2005 wurden in Deutschland alleine 396 Herzen verpflanzt, also mindestens 19,8 Millionen Euro für die Lebensverlängerung von 384 Menschen ausgegeben.[*2]

Die vollständige Verwertung der brauchbaren Körperteile eines einzigen Spenders summiert sich schnell auf einen Abrechnungswert für medizinische Sofort-Leistungen von weit über eine Million Euro. Dem Bürger, dem Verbraucher und potentiellen Spender, wird mit Nachdruck versichert, dass da kein großes Geschäft im Spiel sei und schließlich freuen sich ja auch ein paar glückliche Spendenempfänger über ein paar Lebensmonate oder vielleicht sogar Lebensjahre mehr. Welch ein Glück für alle Beteiligten.

Die Lüge

Ich frage mich, warum wir auch hier einmal wieder belogen werden und warum uns diese offensichtliche Lüge auch noch so sehr gefällt. Vielleicht, weil es irgendwann jeden einmal treffen kann und weil durch diese Lüge die Illusion vom langen gesunden Leben gefördert wird? Einerlei: Jede Lüge hat wenigstens zwei Gesichter und das zweite Gesicht dieser Lüge ist sehr bitter.

Die Warteliste für Spenderorgane ist so lang, dass sie einen attraktiven Markt darstellt, der viele Milliarden Euro medizinische Leistungen umfasst. Die Logik sagt mir: Wo so viel Geld im Spiel ist, ist irgendwo auch ein gutes Geschäft zu finden. Noch nie hat die Medizinindustrie etwas ohne Profit gemacht. Wer etwas anderes behauptet, der lügt.

Wer da seinen Profit durch die überproportional aufwendige und teure Erhaltung deutschen Lebens sichert, das spielt für mich aber erst einmal keine große Rolle.[*4] Interessanter erscheint mir die Tatsache, dass sich die öffentliche Berichterstattung darauf geeinigt hat, davon zu sprechen, dass es in diesem Zusammenhang keine großen Geschäfte gäbe. Die Berichterstattung erscheint bis hin zur Wortwahl gleich geschaltet. Ein wirklich wichtiges gesellschaftliches Anliegen scheint gefunden, über dessen Inhalte ein wirklich breiter Konsens herrscht.

Eine überdurchschnittlich aufwendige Notfallmedizin ist ein Geschäft. In jedem Fall ist sie ein Geschäft für die Hersteller der Ausstattung und der Verbrauchsmaterialien. Ob die in diesem Zusammenhang erbrachten Dienstleistungen des medizinischen Personals, die Fahrer und die Piloten angemessen entlohnt werden, das kann ich nicht sagen. In Deutschland ist dies jedoch eher unüblich.

Die Spendenrealität

Angeblich brauchen wir in Deutschland und Europa viel mehr Organspender. Aber wie sieht es eigentlich mit der Spendenbereitschaft aus für die vielen Menschen in der übrigen Welt, die vergeblich auf die geringste Hilfe zum Überleben warten? Die Zahl der hungernden Menschen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen: Derzeit hungert ungefähr jeder siebente Mensch auf der Erde und es werden ständig mehr.[*3] Noch viel mehr Menschen haben überhaupt keine medizinische Versorgung und das nicht deshalb, weil sie unmöglich wäre. Sie lohnt sich einfach nicht. Sie wirft für niemanden einen Profit ab.

So wird für mich die deutsche Organspende zu einer pseudo-humanitären Heuchelei, denn letzten Endes rechnen wir die Verlängerung eines einzigen deutschen Lebens gegen den Tod auf von hunderten nichtdeutschen Leben und finden das auch überhaupt nicht bemerkenswert. – Das ganze passiert aber noch nicht mit letzter Konsequenz, denn dann hätten wir überhaupt kein Problem, die benötigte Zahl Organe zu beschaffen.

Sie werfen mir an dieser Stelle Zynismus vor? Ja, das stimmt und ist ok, denn es trifft den Kern des Themas. Solange uns der Hunger in der Welt am Arsch vorbei geht, ist jede Organspende in Deutschland für mich grausam, zynisch und humanitäre Heuchelei.

Konsequenz

Ich verzichte deshalb auf jede Spende humaner Körperteile und werde auch selbst nicht spenden.

Wir müssen es akzeptieren lernen: das Sterben, dann wenn es kommt, – dort wie hier. Nicht akzeptieren dürfen wir hingegen den Hunger! Denn der Hunger foltert jeden Tag und jede Nacht Menschen qualvoll zu Tode, millionenfach, obwohl es vermeidbar wäre.

Wenn wir diese Notwendigkeiten begriffen haben, dann können wir uns vielleicht endlich darauf konzentrieren, wirkungsvoll den Hunger zu bekämpfen und das Sterben für alle Menschen auf diesem Globus würdevoll zu gestalten, – darauf konzentrieren, Humanität ernst zu nehmen, statt ein Milliardengeschäft für die heimische Medizinindustrie zu generieren.

Nicht alles, was machbar ist, ist auch sinnvoll.

  Anmerkungen

(*1) Hier sei der folgende Hinweis erlaubt: Wer auf seinem Ausweis pauschal „Ja“ sagt zur Organspende, der spendet alles, – seinen gesamten Körper, der beinahe vollständig zu verwerten ist.[zurück]

(*2) 12 starben nach dem Eingriff.[zurück]

(*3) Im Übrigen sei an dieser Stelle bemerkt, das sogar die USA im Jahre 2005 10,8 Millionen Bürger zählten „mit sehr geringer Nahrungssicherheit“, – wie die offizielle Sprachfestlegung der US-Regierung für Hungernde lautet. Für Deutschland vorbildlich, gibt es in den USA bis heute auch keine allgemeine Krankenversicherung. So erledigen sich gewisse soziale Probleme in kürzester Zeit von selbst. Die Problemmenschen verhungern, erfrieren oder begehen Selbstmord. Das ist die real gelebte Humanität im reichsten Land der Erde.

Wir Deutschen spenden übrigens gerade viele Milliarden Euro für 10,8 Millionen Griechen, will man uns gerade erzählen. Diese europäischen Spenden sind allerdings keine humanitären Maßnahmen für hungernde Menschen in Griechenland sondern volkswirtschaftlich unsinnige Geschäfte zu Gunsten betriebswirtschaftlich unfähiger Bankster. Der Hunger in Griechenland wird durch diese „Spenden“ nicht verringert. Durch die Bedingungen, die an die Spenden geknüpft sind, verschlimmert sich der Hunger in Griechenland sogar. – Es könnte sich allerdings aus diesen Spenden ein netter Nebeneffekt für Deutschland ergeben: Die vorzüglich ausgebildete Elite Griechenlands will die garantierte Freizügigkeit in Europa nutzen und das Heimatland verlassen, solange es noch geht, um vornehmlich in Deutschland den Facharbeitermangel zu entschärfen. – Honni soit qui mal y pense (Devise des englischen Hosenbandordens: „Ein Schuft, wer Böses dabei denkt.“)[zurück]

(*4) Unter dem „allgemeinen Kostendruck“, unter dem die medizinischen Versorgungssysteme in Deutschland leiden, ist die weitere Entwicklung dieser Situation auch in Deutschland absehbar. Es stellt sich die Frage, wo die Kosten tatsächlich herrühren, wer die Kosten tatsächlich trägt und wem sie tatsächlich helfen… – Aber das ist wohl ein anderer Artikel, demnächst in der GlotzBox.[zurück]

(*5) Der kaufmännische Vorstand der „Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO)“ ist kürzlich wegen Vorwürfen der „Geldverschwendung“ und „Vetternwirtschaft“ zurückgetreten.[zurück]

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