Zusammenfassung

Man könnte sagen, sein Leben hing am Breitband, doch er konnte es nicht spüren. Soziales Leben lässt sich nicht digitalisieren. Wer es versucht, stirbt im allgemeinen unbemerkt und recht früh.

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Zweihunderteinundreißig Passworte hatte er, sieben E-Mail Adressen und fünf Konten bei sozialen Netzwerken. Er nutze vierzehn Google-Dienste, liebte die gesellige Flickr-Gemeinschaft und er kaufte seine Musik nur noch spontan und im Format MP3 komprimiert aus dem Weltnetz.

Er war Mitglied bei siebenundzwanzig Foren, hatte drei Cloud-Speicher und sogar eine eigene Homepage, als ein leichter Herzinfarkt ihn schwächeln ließ, Nachmittags, an einem Freitag. Als sie ihn fanden, war es Freitag in der Frühe und zu spät, um sein digital erfülltes Sozialleben noch zu retten. Am Dienstag schon war er verdurstet, auf dem Läufer liegend vor seinem Bett.

Keiner der dreihundertundzwölf Facebookfreunde hatte ihn retten können, an jenem Freitag, denn im einundzwanzigsten Jahrhundert wohnt der Tod im sozialen Breitband-Netzwerk der üblichen Single-Wohnung.

Als seine Erben ihren Verlust entdeckten und öffentlich machten, da wurden auch ihr Schmerz und das Mitgefühl seines Netzwerkes digitalisiert und in die Datensicherungen des Weltnetzgedächtnisses überspielt. So berichten heute ein paar Bytes auf irgendeinem Datenträger von einem digital erfüllten Leben, das zu früh endete, aber es berichtet kein Mensch von dem Menschen, der im Irrtum über Leben sehr früh sein Leben vergeben und digital verschenkt hatte.

„Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt“, soll vor langer Zeit Bertolt Brecht einmal bemerkt haben.

Wann das wohl heute ist, wenn Mensch jeden Tag so selbstvergessen durch die Welt digitalisiert?

Flüchtig nur fühlt sogar der Aufmerksame die digitale Unverbindlichkeit und auch er erschreckt nur für ein paar Millisekunden.

Der Unaufmerksame aber fühlt sie nicht, die Bandbreite der Kälte.
Er nutzt die Zeit
für die eigene Unverbindlichkeit.

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