Zusammenfassung

Die Uhr tickt uns früher oder später aus dem Leben. Aber "der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt," soll Bertolt Brecht einmal geschrieben haben. Manchmal muss dafür noch nicht einmal gestorben werden.

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Gewissenhaft arbeitet sich die Siebenundachtzigjährige von einer Ecke ihrer Wohnung zur nächsten, in der einen Hand einen Staublappen, in der anderen Hand ein feuchtes Tuch, über der Schulter ein weiteres, trockenes, um die feuchten Spuren auf den Flächen zu beseitigen.

Für den drei mal in der Woche stattfindenden Wohnungsputz benötigt sie immer den ganzen Vormittag. Nach dem Essen setzt sich dann die Siebenundachtzig­jährige zufrieden in ihren Sessel bei der großen Tür zum Balkon. Den Nach­mittag widmet sie einem der Wochenblätter, die sie jeden Freitag immer zur selben Zeit bei dem Zeitungshändler an der Ecke holt. Zu Weihnachten denkt der Zeitungshändler dafür an sie und schenkt ihr eine rote Rose. Schließlich kauft sie bei dem selben Zeitungshändler auch die neue Illustrierte und das Magazin mit dem eigentlich todlangweiligen Fortsetzungsroman. – Aber wie langweilig der ist, das merkt man nicht so, wenn man nur alle acht Tage davon liest.

Am Abend setzt sie sich meist vor den Fernseher. – Alte Menschen brauchen halt nicht mehr so viel Schlaf. Beim Fernsehen fällt ihr ab und zu auf, dass sie den einen oder anderen Film schon kennt. So findet sie manchmal ein wenig Vertrautheit vor dem Fernseher, wenn es zufällig ein Wiedersehen mit Greta Garbo, Clark Gable oder Errol Flynn gibt.

Siebenundachtzig, achtundachtzig, neunundachtzig und nichts weiter passiert. ‑ Was sollte auch passieren?

Neunundachtzig, neunzig … – Wenn sie sich jetzt das Bein brechen sollte, – und ihren Blinddarm hat sie auch noch – hofft sie auf eine menschenwürdige Sterbehilfe. Bei alten Menschen wachsen Brüche nur schwer wieder zusammen und Zeit ihres Lebens lag sie noch in keinem Krankenhaus. – Man liest ja die schlimmsten Sachen!

Doch sie bricht sich das Bein nicht.

Einundneunzig, zweiundneunzig, dreiundneunzig und die einzigen, die noch etwas von ihrer Existenz wissen, sind der Vermieter, die Bank – und der Zeitungshändler natürlich. Die Bedienungen beim Bäcker um die Ecke kennen sie schon lange nicht mehr. In einer Großbäckerei wechseln die Mitarbeiter zu oft.

Und alle paar Jahre kommt so ein junger, gut aussehender Mann und will für irgendetwas ihre Stimme. Doch seit zwanzig Jahren weigert sie sich erfolgreich.

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Sie möchten jetzt wissen, wo diese arme, einsame alte Dame wohnt? – Ja, wollen sie ihr schnell noch eine neue Couchgarnitur oder ein Lebenselixier verkaufen?

Warum auch nicht. Sie wohnt ja nicht weit entfernt von Ihnen. Sie wohnt keinen Block weit entfernt, im Haus nebenan, oder vielleicht auch in der Wohnung unter ihnen.   

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