Zusammenfassung

Die Lebenszeit eines Menschen wird als Lebensarbeitszeit unter den Bedingungen globaler Arbeitsmärkte ständig und zunehmend entwertet.

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Soziale Arbeitsmarktwirtschaft – Perpetuum mortale

Wenn der Mensch sein Leben ausschließlich damit verbrächte, sein Überleben zu sichern, dann stünde sein Scheitern von der ersten Sekunde seines Daseins an und zu jedem Zeitpunkt seines Lebens bis zu seinem Tot fest, denn …

„nur zu überleben,
das wäre Mühsal wohl vergebens“.


Wenn unsere Gesellschaftsordnung einen Großteil der Menschen aber genau dazu verurteilt, dann wird unsere Gesellschaft ihrer ureigensten Aufgabe nicht gerecht: den Menschen ein menschenwürdiges und menschengerechtes Leben zu ermöglichen, – eines mit Sinn.

Der industriealisierte und informierte Mensch lebt heute unter Bedingungen, die ihm keine Zeit mehr lassen, sich gegen die entmenschlichten Produktionsprozesse zu organisieren. Auch in der modernen industriellen Demokratie hat er keinen realen Einfluss auf seine direkten Lebensbedingungen. Er lebt im Rhythmus der Maschinen und Computer, hart an der Armutsgrenze in ständiger Furcht vor der Arbeitslosigkeit, genau so wie schon seine Vorfahren vor 150 Jahren lebten.

Bewunderung und Verachtung

Wie sehr bewundere ich die Menschen, die im Wissen um ihr sicheres Versagen dennoch stetig darin fortfahren nur zu überleben, bis es eben nicht mehr geht, und die dann im Angesicht ihres Todes in Demut verharren und beten.

Wie sehr verachte ich die Menschen, die ihren Mitmenschen das menschenwürdige Leben versagen, die ihren Mitmenschen sogar die Fähigkeit dazu absprechen und wenn sie dann selbst gehen, dann ohne Demut und ohne Gott.

Der Wert der Lebenszeit hat inflationäre Marktbedingungen

Beide Menschenarten ignorieren die Grenzen jeder Lebenszeit und schätzen sie weit unter Wert. Das vereint die beiden Menschenarten und schafft einen Markt, – den Arbeitsmarkt. In diesem Markt verkaufen die Einen ihre Lebenszeit und es kaufen die Anderen diese Lebenszeit, – stets zu einem Preis weit unter Wert. Solange die Lebenszeit und Lebensarbeitszeit so gering geschätzt werden passt der ‚Arbeitsmarkt‘ in keine wahrhaft soziale Marktwirtschaft.

Der Begriff ‚Arbeitsmarkt‘ provoziert eine falsche Vorstellung von den Bedingungen in diesem ‚Markt‘, in dem der Verkäufer eine Ware anbietet, die er nicht lagern und nicht wiederbeschaffen kann. Der Verkäufer kann also kein Kaufmann in eigener Sache sein, der durch Wachstum und ‚Flexibilität‘ die konjunkturellen Schwankungen ausgleichen kann. Auch wenn uns die Arbeitsmarktspezialisten gerne etwas anderes glauben machen wollen: Der Verkäufer seiner Lebenszeit ist heute in den meisten Verhandlungen dem Käufer unterlegen weil er in den globalisierten Wirtschafts- und Konkurrenzräumen unter den Bedingungen der Überbevölkerung eine Ware anbieten muss, die leicht zu ersetzen ist.

Wirtschaftsinformatik und globale Logistik sind die Hauptfaktoren für die Inflation des Lebensarbeitszeitwertes im Arbeitsmarkt, denn sie machen ‚Globalisierung‘ in den heute bekannten Dimensionen erst möglich. Der einzelne Lebenszeithändler kann dagegen alleine nichts machen und gewerkschaftliche Bemühungen erschöpfen sich in den Tarifverhandlungen, ohne die tatsächlichen Zusammenhänge zu thematisieren:

Jeder einzelne Arbeiter lebt heute in einer globalen Konkurrenzsituation, unter ständigem Zwang zur Rationalisierung und zur Verbesserung der Effizienz. Der globale Selektionsdruck kann jederzeit jeden treffen und an seinem Arbeitsplatz überflüssig machen. Davor schützt ihn kein Ausbildungsgrad, keine berufliche oder soziale Stellung und auch kein Arbeitsort.

Welcher ‚Fortschritt‘ folgt wohl der Globalisierung?

Brigitte Sändig zitiert Albert Camus zum Thema in ihrem Buch „Autonomie und Solidarität“:

»Es ist normal, ein Stück des Lebens hinzugeben, um das Leben nicht ganz und gar zu verlieren. Sechs oder acht Stunden täglich, damit man nicht Hungers stirbt.«
Nichtsdestoweniger fühlt er [Camus] sich durch diesen Zwang seiner Bestimmung entzogen – wie er im Gegenteil die Fähigkeit zu sinnvollem Schaffen frei von Zwang als Kennzeichen menschlicher Bewährung begreift. Im Tagebuch heißt es:  »Man spricht jetzt viel von der Würde der Arbeit […] Aber das ist ein Betrug. Es gibt keine Würde der Arbeit als die, die in frei akzeptierter Arbeit besteht. Nur der Muße kommt moralischer Wert zu, denn sie kann dazu dienen, Menschen zu beurteilen. Mittelmäßigen Menschen ist sie eine Last. Darin besteht ihre Größe und ihre Lehre. Die Arbeit hingegen drückt alle Menschen gleichermaßen nieder.«

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