Zusammenfassung

Für einen Freund: (unzulässiger) Versuch über Wissen und Wahrheit ...

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Blüte von Nicole Tietz

Buddha wurde von einem seiner Schüler gefragt, was das Schlimmste wäre auf der Welt, und Buddha antwortete: Unwissenheit. Er meinte damit aber nicht allein das Wissen der Gelehrten und der Fachleute. Er meinte auch und vor allem das „Wissen, wo es lang geht“, das Wissen von uns selbst und von unseren Zielen, das wir der Versuchung und der Ablenkung entgegen stellen, um unseren Weg auch dann noch zu finden, wenn Welt undurchschaubar wird und unser Schritt in ihr unsicher.

Unwissenheit macht unsicher und Unwissenheit ist der Ursprung jeder Angst. Auf diesem Wege wird Unwissenheit zu einem, wenn nicht sogar zu dem Beweggrund in der Welt des Menschen, Dinge zu tun oder zu lassen. Buddha wusste, dass die Sehnsucht des Menschen nach Sicherheit und Geborgenheit, – also auch die Suche nach (relevantem) Wissen, für jeden Menschen eine individuelle Antwort hat, eine Antwort, die jeder Mensch allein nur in sich selbst finden kann.

Viele der buddhistischen Lektionen finden wir heute auch als Erkenntnisse der Philosophie in den westlichen Kulturen und wir finden sie sogar in pragmatischen Coaching-Verfahren. So unterscheiden wir heute auch im Westen die (theoretische) Wahrheit von der begrifflichen Wahrheit und von der überlieferten Wahrheit. Und wir erkennen, dass es nur sehr wenige universelle Wahrheiten gibt, dass Wahrheit vielmehr aus unserer eigenen Haltung zu den Dingen entsteht, aus den individuellen Traditionen des Denkens und aus unserer selektiven Wahrnehmung der Welt. Hieraus folgt, dass es immer nur eine einzige Wahrheit gibt. Diese Wahrheit ist entweder eine universelle und leicht zu überprüfen, oder sie ist eine eigene, eine individuelle Wahrheit und niemals zu überprüfen, da jeder seine eigene Wahrheit hat.

Durch diese Erkenntnis relativiert sich unsere Möglichkeit, Wissen und Sicherheit zu erlangen. Wir gelangen zu dem Schluss, dass ein großer Teil unserer Weltsicht auf Glauben basiert, ungeprüftem Glauben und sehr viel Vertrauen in unsere Nachrichtenquellen. Weil sich unsere Möglichkeit, Wissen und Sicherheit zu erlangen als sehr begrenzt herausstellt, ist es nötig, unser Selbstbewusstsein, als Bewusstsein von uns selbst zu trainieren.

Buddha kommt deshalb zu dem folgenden Schluss:

Glaube an nichts, nur weil du es gehört hast. Glaube nicht einfach an Traditionen, weil sie von Generationen akzeptiert wurden. Glaube an nichts, nur auf Grund der Verbreitung durch Gerüchte. Glaube nie etwas, nur weil es in Heiligen Schriften steht. Glauben an nichts, nur wegen der Autorität der Lehrer.

Aber wenn du selbst erkennst, dass etwas heilsam ist und dass es dem Einzelnen und Allen hilft und förderlich ist, dann mögest du es annehmen und stets danach leben.

– Kālāma Sutta Anguttara-Nikāya III,66
(Pali Kanon des Theravāda-Buddhismus)

Auch Papst Benedikt XVI kam in seiner Predigt im Verlaufe der heiligen Messe zum Abschluss der Begegnung mit dem „Ratzinger-Schülerkreis“ am 2. September 2012 zu einem ähnlichen Schluss: „Niemand kann die Wahrheit haben, die Wahrheit hat uns, sie ist etwas Lebendiges! Wir sind nicht ihre Besitzer, sondern wir sind von ihr ergriffen; nur wenn wir uns von ihr führen und treiben lassen, bleiben wir in ihr; nur wenn wir mit ihr und in ihr Pilger der Wahrheit sind, dann ist sie in uns und durch uns da.“

Die Antworten auf die meisten Fragen tragen wir in uns selbst. Wir müssen nur lernen geduldig in uns selbst hinein zu hören, den eigenen Verstand gebrauchen und lernen, der Stimme, die wir dann hören, zu vertrauen.

Georg von Gizycki ermahnt uns nicht zuletzt auch deshalb zur „intellektuellen Gewissenhaftigkeit“, die die einzige Möglichkeit ist, um dem viel praktizierten „Glauben“ ein fundiertes „Wissen“ gegenüber zu stellen:

Kant und Fichte haben in ihren Werken „mit großem Nachdruck die Pflicht des eigenen Denkens, des eigenen Prüfens und Untersuchens geltend gemacht“, schrieb Gizycki 1893 in seinem Vorwort zur Übersetzung von William Kingdon Clifford’s „The Ethics of Belief“. – Das gilt in Zeiten von Internet und Social Media noch viel mehr, als im Jahre 1893, in einem Zeitalter also, in dem sich Unwahrheiten und Gerüchte nach unseren heutigen Maßstäben verhältnismäßig langsam verbreiteten.

Bei William Kingdon Clifford finden wir 1877 in seinem oben genannten Vortrag die folgende Hilfestellung, um die Wahrheit und Wahrhaftigkeit unseres Glaubens zu beurteilen:

[Wer] (…) „sein Glauben nicht ehrlich durch geduldige Untersuchung, sondern durch Unterdrückung seiner Zweifel gewonnen hat, [der] hat kein Recht, zu glauben. (…) Die Frage nach Recht und Unrecht bezieht sich [dabei] auf die Art, WIE er zu seinem Glauben gelangt ist, nicht darauf, WAS sein Glaube ist.“ (…) Jeder ist für die Folgen eines nach diesen Maßstäben unberechtigten Glaubens verantwortlich zu machen.

 
 
Ich ignoriere in diesem kurzen Text bewusst Adornos Überlegungen über das Halbwissen und seine Folgen und auch ganz viele andere Autoren und Überlegungen zu dem Thema und ich gehe auch nicht auf „die Wahrheit als Übereinstimmung gedanklicher Vorstellungen mit der Wirklichkeit“ oder wenigstens als Ergebnis eines sprachlichen Konsens ein. Das hilft nämlich manchmal gar nicht! – Die buddhistische Reflexionsübungen hingegen und Clifford’s Maßstab helfen immer. (…)

TO BE CONTINUED
(Fortsetzung folgt)

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