Zusammenfassung

Was als ein Strom nützlicher Informationen begann, hat sich inzwischen in eine Sturzflut verwandelt, die unsere Nachrichtenqualität und mehr bedroht.

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Ben hat viele Fragen

Die Hannoversche Zeitung hat über 500.000 Leser, jeden Tag! Stellen Sie sich einmal vor, diese 500.000 Leser würden alle einen Leserbrief nur schreiben und das womöglich jeden Tag. Abgesehen davon, das diese Nachrichtenmengen von keinem Verlag bewältigt werden könnten, so würde sich auch sehr schnell die Frage nach dem Sinn ergeben. Wer hätte etwas von allen diesen Texten, die vielleicht sogar die eine oder andere relevante Information transportieren? Wem würde es helfen und was wären wohl die Folgen einer solchen Entwicklung?

(Genau das passiert gerade
im Internet …)

Nun, die eine oder andere durchaus relevante Information würde wohl in der Masse der Nachrichten untergehen und unentdeckt bleiben. Allein die schiere Nachrichtenmenge würde nur noch eine stichprobenartige Auseinandersetzung mit den Inhalten erlauben. Der Zufall würde bestimmen, welcher Eindruck sich dabei ergibt.

Was als ein Strom nützlicher Informationen begann, hat sich inzwischen in eine Sturzflut verwandelt.“

Neil Postman, †10.2003,
US-amerikanischer Professor für
Kommunikationswissenschaft und „Medien-Ökologie“

Es drängen sich mir Fragen auf, ob Nachrichten, die niemanden erreichen, noch Nachrichten sind, ob Informationen, die keinen interessieren, noch Relevanz erlangen können, ob ein Leserbrief, der unter Millionen anderen untergeht, noch Bestandteil einer Kommunikation ist. Bei dieser Betrachtung der Dinge ergibt sich eine erste sehr reale Vorstellung von Kommunikation ohne Information. Ist sie sinnlos? Ja, vielleicht, aber niemals folgenlos:

  1. Mit einer steigenden Zahl Nachrichten nimmt deren Qualität im Verhältnis zur Menge ab.
  2. Mit einer steigenden Zahl Nachrichten werden die Ergebnisse einer Suche nach relevanten Nachrichten zunehmend zufälliger.
  3. Durch die Zufälligkeit der Ergebnisse einer solchen Suche wird die Qualität der Ergebnisse weniger prüfbar.
  4. Der Wert einer Information ergibt sich aus dem Aufwand für ihre Beschaffung und ihrem Nutzen im Rahmen menschlicher Entscheidungsprozesse. Mit einer steigenden Zahl Nachrichten steigt der Aufwand für die Beschaffung bzw. Filterung der relevanten Nachrichten.
  5. Die Erzeugung, der Transport, die Speicherung, die Prüfung, die Verarbeitung und die Vernichtung von Nachrichten kosten Energie, Geld, Rechenzeit und Lebenszeit, unabhängig von deren Relevanz.
  6. Je geringer die Zahl der relevanten Nachrichten im Verhältnis zur Zahl der weniger relevanten Nachrichten ist, desto teurer ist die einzelne relevante Nachricht.
  7. Eine Nachricht nicht zu erhalten, weil sie nicht versendet wurde, oder eine Nachricht nicht zu erhalten, weil sie in der Menge der Nachrichten nicht gefunden werden kann, das macht im Ergebnis keinen Unterschied. Letzteres allerdings verleitet uns, zu suchen und Energie und Lebenszeit zu opfern.
  8. Es ist möglich, die Kosten und den Nutzen einer Nachricht in eine Beziehung zur Menge der Nachrichten zu stellen, um die Grenzen der Nützlichkeit für das Gesamtsystem zu bestimmen. Hierfür kann beispielsweise eine Korrelationsmatrix auf der Grundlage eines einfachen Dreisatzes erstellt werden. In den meisten Fällen aber genügt es auch, den gesunden Menschenverstand zu nutzen und dem Bauch zu vertrauen, denn die meisten Menschen sind heute schon überfordert von den Nachrichtensystemen, die der Mensch selbst geschaffen hat, um … – ja, warum eigentlich?
  9. Du weißt, dass etwas schief läuft in deinem Leben, wenn die wichtigen Nachrichten dich nicht mehr erreichen weil die vielen unwichtigen Nachrichten deinen Tag ausfüllen.

    Andererseits:
    Wer möchte schon in einer Welt leben, in der es nur noch relevante Nachrichten gibt? Wer würde in einer solchen Welt wohl darüber entscheiden, was relevant ist?

    Im Internet entscheidet heute schon Google für Sie, was für Sie relevant ist. Die Suchmaschine zeigt ihnen nur solche Ergebnisse, die ihrem heimlich angelegten Suchprofil entsprechen, ohne Sie über den individuellen Filter zu informieren.

    In einer Nachrichtenmenge, deren Inhalt nur noch stichprobenhaft wahrgenommen werden kann, deren inhaltliche Wahrnehmung also dem Zufall unterworfen ist, in einer solchen Nachrichtenmenge ist Google heute der Zufall, – ein Zufall, der gar nicht so zufällig ist.
     
    Wer Google beherrscht,
    der beherrscht die Nachrichten der Welt.[*1]

    Aber derzeit zumindest kann man noch ohne Google und an Google vorbei surfen und es gibt genügend andere, von Google derzeit noch unabhängige Nachrichtenkanäle.

    Das gilt zumindest, so lange Sie die Zeit haben und den Aufwand nicht scheuen, diese anderen Nachrichtenkanäle auch zu nutzen.

    Eine letzte Frage lässt mich an dieser Stelle vorerst ein Ende in meinen Ausführungen finden: Gäbe es in einer von Google dominierten Nachrichtenwelt noch Dichter und Texte ohne Ranking und aktuelle Relevanz?

     

      Anmerkungen

    [*1]Wer Google beherrscht, der beherrscht die Nachrichten der Welt, die durch Nachrichten gesteuert wird. – Ist das vielleicht die Schwachstelle unserer aktuellen Weltordnung? – In Deutschland werden über 90 Prozent der Fragen an das Internet über Google abgewickelt oder sogar von Google beantwortet. – Google ist ein börsennotiertes US-amerikanisches Unternehmen, dessen ausschlaggebende Großaktionäre die beiden Gründer sind, also zwei Menschen.

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